Bücherraub gesühnt

Frankfurter Allgemeine, 8 July 2012
Von Regina Mönch

Die Nationalsozialisten zwangen den jüdischen Sammler Arthur Goldschmidt zum Notverkauf seiner bedeutenden Bibliothek. Die Weimarer Anna Amalia Bibliothek hat die Erben ausfindig gemacht und die Sammlung nun angekauft.

Die Goldschmidts gehörten einst zu den wohlhabenden Familien Leipzigs, großbürgerliche Mäzene und Kunstliebhaber, in deren Stadthaus sich Künstler und Gelehrte trafen. Grundlage ihres Reichtums war eine Getreidegroßhandlung, unweit der Börse gelegen und mit Geschäftsbeziehungen in alle Welt. Der älteste Sohn musste sie weiterführen, auch wenn er wie Arthur Goldschmidt ganz andere Pläne hatte. Arthur Goldschmidt trat also pflichtschuldigst, doch ungern in das Geschäft ein, so die Erinnerung seiner inzwischen verstorbenen Tochter, er sei auch kein guter Kaufmann geworden.

Seine Leidenschaft gehörte der Literatur, er war ein geschätzter und kundiger Sammler bibliophiler Kostbarkeiten, schrieb Bücher über Goethe und seine Zeit und stellte schließlich sogar einen Bibliothekar ein. Seine Almanachsammlung des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter Erstdrucke von Goethe und Schiller, war berühmt, sprach sich bis nach Weimar herum, wo er beste Kontakte zum Goethe- und Schiller-Archiv pflegte.

Eine einzigartige Sammlung

Dorthin wandte sich Arthur Goldschmidt 1935 schließlich und bot seine „wahrscheinlich in Deutschland einzigartig dastehende Sammlung“ zum Verkauf an. Er sei dazu, schrieb er nach Weimar, „infolge der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse“ gezwungen. Der höfliche Briefwechsel mit dem Archiv enthüllt nur in einigen Bemerkungen die Verzweiflung des Sammlers, etwa wenn er andeutet, die Bibliothek sonst „vernichten“ zu müssen. Er hatte sie zuvor vergeblich anderen Institutionen angeboten und war nun bereit, jeden Preis zu akzeptieren, wenn der Schatz nur „in guten Händen“ bliebe.

Die „guten Hände“ handelten ihn herunter auf zweitausend Reichsmark, ein Bruchteil des Wertes der Almanachsammlung, der bekannt war, wie die Archivdokumente belegen. Nur sei das Geld halt nicht zu beschaffen, heißt es in einem Bericht vom März 1936, „weil Herr Goldschmidt natürlich Jude ist“. Die Weimarer Hüter der deutschen Klassik wussten also, was sie taten. Sie wussten, dass der Sammler Repressalien ausgesetzt war, unter anderem „weil er den Raum, in dem die Sammlung untergebracht ist, so bald als möglich frei machen muß“, und immer wieder betonten sie in ihren Berichten, welch eine „außergewöhnliche Bereicherung“ dieses Geschäft für das Goethe- und Schiller-Archiv sei.

Wenig später verhaftete die Gestapo den Sohn des Sammlers in der Leipziger Universität. Sie brachte ihn in das Konzentrationslager Buchenwald, hoch oben auf dem Ettersberg über der Stadt, die sich gerade das Lebenswerk seines Vaters einverleibt hatte. Peter Goldschmidt entkam dem Lager und konnte 1939 nach Bolivien fliehen, wohin ihm die Eltern folgten. Arthur Goldschmidt, ein deutscher Bildungsbürger, dem man zuerst seine geliebten, kostbaren Bücher abpresste und dann sein gesamtes Vermögen stahl, starb 1953 vereinsamt und völlig verarmt im bolivianischen Cochabamba.

Seine bedeutende Bibliothek wurde nach dem Krieg in den Bestand der heutigen Anna Amalia Bibliothek eingegliedert. Vor etwa einem Jahrzehnt begann man dort, wie in anderen großen deutschen Bibliotheken auch, die Herkunft aller zwischen 1933 und 1945 erworbenen Bücher zu überprüfen. Provenienzforschung, die noch schwieriger ist als die Fahndung nach geraubten Kunstwerken - weil viele Bücher in diesen dunklen deutschen Jahren über die sogenannte Reichstauschstelle in Berlin verteilt wurden und die Spuren verwischt sind, weil die zweifelhafte Herkunft vielleicht erkannt wird, nicht aber die Eigentümer. Denn die Nationalsozialisten beschlagnahmten bald alle Bücher „umgesiedelter Juden“ - von der kostbaren Luther-Bibel bis zum geliebten, zerlesenen Kinderbuch landeten sie schließlich körbeweise oft zuerst in den städtischen Pfandleihanstalten, wo Bibliothekare aussuchten, was „den Bestand erweitern“ half, wie Dokumente belegen.

Die Suche nach den Erben

Nur ein Bruchteil des Raubgutes trug den Namensstempel der rechtmäßigen Eigentümer; und im Fall der Goldschmidt-Sammlung blieb das Unrecht lange verborgen, weil sie erst 1955 in die Anna Amalia Bibliothek übernommen wurde - damals noch „Zentralbibliothek der Deutschen Klassik“ - und dort nicht geschlossen ins Regal kam, sondern verschiedenen Beständen zugeordnet blieb. Endgültig identifiziert als NS-Raubgut wurden die zweitausend Almanache erst, als man auf den Briefwechsel mit dem Goethe-und Schiller-Archiv stieß. Danach beauftragte die Bibliothek die Londoner „Commission for Looted Art in Europe“, nach den Erben zu suchen. Es hat noch einmal Jahre gedauert, bis sie gefunden und alle Dokumente für eine Restitution beisammen waren. Die Weimarer Bibliothek hat nun mit den Erben von Arthur Goldschmidt vereinbart, die für sie bedeutsame Sammlung anzukaufen.

Immer noch sollen sich in deutschen Bibliotheken etwa eine Million Bücher befinden, die von den Nationalsozialisten geraubt worden sind. Trotz einiger erfolgreicher Restitutionen bleibt diese ohnehin nur geschätzte Zahl nahezu konstant, weil zu viele Eigentümer nicht identifiziert werden können oder die Zugangsbücher das Unrecht tarnen, wenn die Bücher als vermeintliche Zustiftungen oder Geschenke eingeliefert wurden. Die Suche geht darum weiter.

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